Falk Richter
Electronic City
Badische Landesbühne Bruchsal 2008 • Bühne/Kostüme: Susanne Pische
Eine Art Laufsteg mit grauem Teppichboden verkleidet, führt schräg nach vorne, auf das Publikum zu. An seinem hinteren Ende ist eine große Leinwand aufgespannt. Dieser Laufsteg ist Hotelflur, Flughafenschleuse, Wartefläche für Fast-Food-Abfertigung und noch vieles mehr: Vier Schauspieler, drei Männer und eine Frau, agieren auf diesen acht Quadratmetern, die die Welt bedeuten: das Laufband der Moderne, ortloses Überall unter den bedingungen der globalen Beschleunigung.
Wir sind in „Electronic City", der Welt der um den Globus gejagten Businessmaänner und hyperflexiblen Arbeitskräfte, die heute in Rom, morgen in Toronto und übermorgen in Singapore eingesetzt werden. Sie wissen nicht mehr, wo sie sich befinden; Cities, Flughafenlounges, Hotels und Coffee-Bars auf der ganzen Welt gleichen sich aufs Haar. Ihre Anweisungen erhalten sie per handy und Computer, eigentlich sollten sie so schnell flitzen wie die Elektronen im Breitbandkabel; dass sie Menschen sind, stört den Ablauf eher. Aber sie tun ihr Bestes - bis zum Zusammenbruch.
Doch das Stück von Falk Richter, furios dargeboten von einem kleinen Team der Badischen Landesbühne kommt nicht so platt daher wie die zusammenfassenden Sätze. Alles, was die Schauspieler tun, wird verdoppelt: Einer der vier steht meist an der Videokamera, filmt die anderen bei ihrem Tun, so dass auf der Leinwand im Hintergrund ihre Gesichter und Körper in Großaufnahme erscheinen. Was man von Massenspektakeln im Freien kennt, wirkt in der Intimität des kleinen Raumes seltsam verstörend.
Man weiß nicht mehr wo man hinschauen soll, was „wirklicher" ist, Mensch oder Bild. Denn dieses enthüllt Details, ein angstvolles Auge, einen riesigen sprechenden Mund. Der elektronisch verdoppelte Körper wird fragmentiert, man sieht jede Pore, jedes kleine Mal auf der Haut - lebendig und tot zugleich.
Regisseur Alexander Schilling, Ausstatterin Susanne Pische, die vier Schauspieler Helge Gutbrod, Christiane Nothofer, Christian Birko-Fleming, Nikolaus Szentmiklosi samt „Videojockey" Matthias Burger, sie alle boten höchste Qualität.
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Passend zum Titel des Stücks, werden in Alexander Schillings Inszenierung für die Badische Landesbühne Live-Kamera und Videoprojektion in das Geschehen integriert. Um die Monotonie ihres Lebensstils auch äußerlich zu verkörpern, sind die vier Darsteller gleichförmig in ultramodern futuristischem, funktionalen und konformistischen Facon gekleidet. Die vier Akteure erfinden und verwerfen verbale und visuelle Bilder, geben sich Täuschungen hin und suchen permanent nach neuen Kunstformen, um sich in der globalisierten Welt, wo das Individuum zunehmend verschwindet, Stimmen zu geben.
Interessant bei der Inszenierung sind die raschen und kurzen Szenenwechsel, zuweilen begleitet mit abrupten Orts und Zeitsprüngen. Die Chronologie dieser Zeitsequenzen ist nicht immer nachvollziehbar, was jedoch nicht weiter von Belang ist - sind diese Sequenzen zugleich symptomatisch für die Orts- und Zeitlosigkeit einer überglobalisierten Welt.
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Foto
Darsteller
Christiane Nothofer, Helge Gutbrod, Christian Birko-Fleming, Nikolaus Szentmiklosi